In Krisen hilft unsicheres Denken

Zur Illustration zwei Situationen aus meiner Coachingpraxis, in denen unsicheres Denken gefragt ist:

P. F. unterrichtet und forscht an einer Fachhochschule und leitet eine Abteilung mit einem hochmotivierten Team. Alle Vorgaben für seinen Bereich (Zahlen Studierende, Forschungsaufträge etc.) sind im grünen Bereich. Aber er fühlt sich schon seit langem unfrei und von seinem Vorgesetzten mit bis ins Detail geregelten Abläufen und einem sehr rigiden Kontroll- und Überwachungssystem drangsaliert. In seiner Angst, die unrealistischen und zum Teil unsinnigen Erwartungen nicht erfüllen zu könne, sitzt er wie die Maus vor der Schlange. Seine früher sehr hohe Freude und Motivation ist ihm abhanden gekommen. Viele seiner Kollegen sind resigniert oder auf dem Absprung. Er ist geistig sehr agil, neugierig, innovativ, bestens vernetzt, interdisziplinär orientiert und als Experte in seinem Gebiet bestens verankert und anerkannt.  An Ideen für seine berufliche Weiterentwicklungund Projektideen fehlt es ihm deshalb nicht, aber als Familienvater mit Kindern fühlt er sich finanziell abhängig von seiner Stelle. Die Coronakrise hat sein Gefühl von Gefangensein noch verstärkt.

Die Weinexpertin S. R. hatte kurz vor Ausbruch der Coronakrise eine neue Stelle gefunden, die sie sehr motivierte, weil ihr neuer Arbeitgeber den Bereich Wein mit ihr neu positionieren und entwickeln will. Bei ihrer früheren Stelle fühlte sie sich unterfordert, weil ihr der Gestaltungsspielraum fehlte, um ihre Kenntnisse einzubringen. Ihr Einstieg in die neue Stelle erfolgte im Homeoffice und die Coronakrise traf auch ihren neuen Betrieb. Nun fühlt sie sich gelähmt, hat Versagensängste, traut sich nichts zu, glaubt immer weniger an ihre Fähigkeiten und es fehlt ihr der Mut, ihre Ideen einzubringen, auszuprobieren und in die Tat umzusetzen.

Mut, uns gegen unsere Instinkte zu entscheiden

Was passiert mit uns, wenn wir uns bedroht fühlen? Dann werden unsere Überlebensinstinkte geweckt. Unser Reptilienhirn reagiert blitzschnell und sein Repertoire ist bekannt: Angriff, Flucht oder Totstellen. Für Situationen, in denen unser Überleben konkret in Frage steht, ist das ein passendes Repertoire: Wenn wir als HöhlenbewohnerIn am Morgen aus der Höhle kommen und ein Säbelzahntiger vor uns steht, hilft es wenig, kreativ zu sein und Optionen gegeneinander abzuwägen. In dieser Situation überlebt nur, wer blitzschnell mit Angriff, Flucht oder Totstellen reagiert.

In  Situationen aber, in denen nicht unser unmittelbares Überleben bedroht ist, weil die Gefahr unbestimmter und vager ist, hilft dieses Reaktionsschema nicht weiter. Aber unsere Instinkte tendieren in allen Situationen, die wir als bedrohlich erleben, zwangsläufig zum Bestehenden und schirmen uns gegen andere, kreative und ins Offene führende Möglichkeiten ab, die eigentlich gefragt wären. In Umbruch- und Krisensituationen setzen wir deshalb auf die uns vertrauten Problemlösungsstrategien wie der  Bergsteiger, der im dichten Nebel den Gipfel sucht und dazu seine Schritte möglichst steil bergauf lenkt. Geht es nach allen Richtungen nur noch nach unten, ist er auf einem Gipfel angekommen. Wir widmen den Grossteil unserer Zeit dem Optimieren dessen, was wir kennen. Bei Umbrüchen und sich rasch verändernden Rahmenbedingungen führt dies aber zu Mittelmässigkeit und «mehr desselben», wie es der Psychologe Paul Watzlawick in seiner “Anleitung zum Unglücksein“ ausdrückte. Das vermeintlich sichere Denken führt uns deshalb in eine Sackgasse.

Wenn wir uns bedroht fühlen, widersprechen Lösungen, die das Alte in Frage stellen, unseren Instinkten. Der amerikanische Autor Jonah Sachs empfiehlt deshalb für Krisen, bewusst ein antiinstinktives Vorgehen zuzulassen, das unsichere Denken.  Dafür müssen wir uns der Angst stelle und ihr ins Auge schauen und uns bewusst entscheiden, uns nicht durch sie dominieren zu lassen. Um zu wachsen, dürfen wir deshalb unserer Angst vor Fehlern nicht erlauben, unsere Bereitschaft, Risiken einzugehen, zu beschränken.

Wichtig: Brainstorminghaltung uns selber gegenüber

Wie kommen wir zum unsicheren Denken? Zuerst gilt es, den beschriebenen Mechanismus bei uns zu durchschauen und zu verstehen, wie wir überhaupt funktionieren. Selbstwahrnehmung ist deshalb der erste Schritte jeder Veränderung. Deshalb empfehle ich meinen KlientInnen, sich ein Büchlein oder Heft anschaffen, zu beobachten, wie sie ticken, welches Ihre Muster sind und ihre Eindrücke festzuhalten.   

Neue, kreative und den bisherigen Rahmen sprengende Ideen finden wir, indem wir uns solche Ideen in einem ersten Schritt des Suchens überhaupt erst mal zu denken erlauben. Beim Brainstorming in einem Team lautet die Grundregel, dass in einer ersten Phase keine Kritik erlaubt ist. Erste Ideen sind wie zarte Pflänzchen. Wird mit ihnen grob umgegangen, verkümmern sie, bevor sie kräftig genug sind, um selber zu überleben.

Was für ein Team von Kollegen gilt, muss auch für unser inneres Team gelten. Denn oft versenkt unser innerer Kritiker, Angsthase oder Zauderer erste zaghafte Ideen sogleich mit Schlagwörtern  wie „zu teuer“, „unrealistisch“, „Wunschdenken“, „Du bist eh zu alt“, „es bringt ja eh nichts“ etc. Solchen inneren Stimmen müssen wir widersprechen. Alle Ideen sind willkommen, auch verrrückte, unrealistische, vage, schräge und hirnverbrannte. Die dabei entstehende Unsicherheit, Verwirrung oder Angst gilt es auszuhalten. Auch aus Ideen, die sich später als nicht zielführend erweisen, können sich hilfreiche Ideen ergeben. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen an einem wunderschönen Morgen auf der Terrasse eines Bergrestaurants am Frühstück und entscheiden dann spontan, den Berg vor Ihnen zu besteigen. Als Sie dann drei Stunden später auf dem Gipfel stehen, stellt sich heraus, dass die Aussicht  nicht so phantastisch ist, wie Sie sich das ausgemalt haben. Aber: Der Weg auf den Berg führte durch eine enge Schlucht und die hat sie begeistert. Hätten Sie die Idee des Berges gleich zu Beginn verworfen, hätten Sie die Schlucht nicht entdeckt.

Später folgen dann selbstverständlich die Phasen des Überprüfens und des Entscheidens. Nur wenn wir die drei Phasen bewusst auseinanderhalten, ist Offenheit möglich. Die Firma Walt Disney hatte diese Phasen auf drei Stockwerke Ihres Hauptsitzes verteilt: Im obersten Stock des Suchens waren nur Ideen erlaubt. Die interessantesten Ideen wurden dann im Stock darunter einer Prüfung unterzogen (Vorteile, Nachteile, Chancen, Risiken etc.) und der Umsetzungsentscheid wurde im noch weiter unten liegenden Stock getroffen. Wir können also unserem inneren Kritiker oder Zauderer in der Phase des Suchens sagen, dass es erstmal nicht um das äussere Tun geht, sondern sich überhaupt zu erlauben, Möglichkeiten zu denken.

Uns selber beeltern

Für unser Gehirn ist alles, was unbekannt ist, gefährlich. „Nichts fürchtet der Mensch so sehr wie das Unbekannte“ (Elias Canetti). Um der Angst ins Auge schauen zu können, müssen wir denjenigen Teilen unserer Persönlichkeit, die sich von der Angst oder von Unbehagen schnell beeindrucken lassen, gut zureden, wie das ein guter Vater oder eine gute Mutter mit einem ängstlichen Kind macht, empathisch und gleichzeitig motivierend und unterstützend. Es gilt also, unseren automatisierten Dialog unserer inneren Stimmen nach und nach durch einen bewussten unterstützenden Dialog zu ersetzen.

Dabei kommt uns der Volksmund zu Hilfe: „Probieren geht über Studieren“, „ Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen“, „Übung macht den Meister“, „Durch Fehler lernen wir“, „Niemand ist perfekt“, „Wer schwimmen will, muss ins Wasser steigen“.  Von Bertold Brecht stammt der Satz „Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“ und von Unbekannt „Es gibt kein klares Rezept zum Erfolg. Aber es gibt ein klares Rezept zum Misserfolg: Es allen recht machen zu wollen.“

Vom Autopiloten zur Freiheit

In einem Coaching geht es im Kern darum, dass wir uns bewusst machen, wann wir im Autopilotmodus handeln und dadurch auf die Wiederholung des Bekannten beschränkt sind und was es braucht, damit wir daraus aussteigen, frei wählen und aus dem Vollen schöpfen. Die Frage ist also: Reitet das Pferd uns oder reiten wir das Pferd?.“  Wenn wir an einer Weggabelung stehen, können wir uns die Frage stellen: Mit welchem Entscheid stärken wir uns und mit welchem Entscheid schwächen wir uns? 

Sechs Dimensionen

Für Jonah Sachs ist unser Umgang mit folgenden sechs Schlüsselfaktoren entscheidend dafür, dass wir uns dem unsicheren Denken öffnen (Jonah Sachs, Unsafe Thinking - how to be creative and bold when you need it most; Random House; noch nicht auf deutsch übersetzt).

  • Der Mut, Unbehagen auszuhalten und uns unseren Ängsten zu stellen, denn Unbehagen und Ängste haben die Tendenz, uns im vermeintlich sicheren Denken einzuschliessen. Wenn unser Instinkt uns zur naheliegenden Variante A drängt, können wir uns mit einer kontrapunktischen Strategie bewusst motivieren, auch die Variante B oder gar eine Variante C zumindest in Betracht zu ziehen, bevor wir im Autopiloten der naheliegenden Variante A nacheilen.
  • Die Motivation, die Energie zu finden,  die uns hilft, selbst bei Rückschlagen an neuen und unvertrauten Herangehensweisen festzuhalten.
  • Zu lernen, eine offene Neugierde des Anfängers auch dann beizubehalten, wenn wir an Erfahrung gewinnen und dabei drohen, uns in neuen Routinen zu verlieren.
  • Flexibilität, denn unsere Instinkte und unsere Intuition können uns täuschen: Wie können wir uns selber überzeugen, auch Ideen zu fördern, die kontrainstinktiv und manchmal sogar lächerlich erscheinen, währenddem sie es letztlich sind, die uns weiterbringen?
  • Moral: Fixe Vorstellungen über richtig und falsch können uns dazu bringen, mit viel Anstrengung „das Richtige“ tun wollen, was oft nichts anderes als das bekannte Alte ist, nämlich das Befolgen von nicht hinterfragten Regeln. Es geht deshalb darum, einen  intelligenten Ungehorsam zuzulassen, uns auch erlauben, sogenannte Regeln zu umgehen oder uns bewusst über sie hinwegzusetzen und uns auch mit Ideen und Dingen zu beschäftigen, die unvertraut, regelwidrig, nicht zu uns passend, ja feindlich wirken können.
  • Selbstführung, indem wir uns mit anderen zusammentun und uns dadurch gemeinsam gegen den sozialen Druck unserer Umgebung schützen, welcher der Kreativität entgegensteht.

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